30.06.2024
Am vergangenen
Wochenende (29./30.06.2024) fanden die Bayerischen Mehrkampfmeisterschaften
in Aschaffenburg statt. Das Wetter verlangte den Athleten allerdings
einiges ab: War es am Samstag noch extrem heiß und schwül bei
weit über 30 Grad, so stellten am Sonntag böhiger Wind und Dauerregen
die Sportler vor große Herausforderungen. Alicia Hermer ging
als jüngerer Jahrgang in der WU18 an den Start. Die Chancen
auf eine Medaille und ihr eigener Ehrgeiz setzten sie merklich
unter Druck. Hatte sie doch bei ihrem letzten „Testwettkampf“
in Forchheim eine Woche vorher neue Bestleistungen über die
100 m Hürden und mit dem Speer aufgestellt.
Bei der ersten
Disziplin, dem Kugelstoßen war die angesagte Hitze noch erträglich.
Lissy startete mit einer Weite von 10,93 m in den Wettkampf,
aber sie wollte auch im Siebenkampf erstmalig die 11 Meter knacken.
Im dritten Versuch glückte ihr dieser Coup, die mitgereisten
Fans von der TG Höchstädt jubelten und sie ging zufrieden mit
11,04 m als Vierte in die nächste Disziplin.
Die Plätze im Schatten waren begehrt, doch die Athletinnen
mussten sich auf den anstehenden Hürdenlauf vorbereiten. Die
Hitze machte ihnen sichtlich zu schaffen. Alicias Aufregung
stieg, da sie erst im fünften und schnellsten Lauf startete.
Da hieß es sich mit einem nassen Handtuch etwas Kühlung zu verschaffen.
Endlich ging es in die Startblöcke, der wechselnde Wind ließ
die Läufe zu einem Glücksspiel werden. In Lissys Lauf wehte
der stärkste Gegenwind und so musste sie ab der vierten Hürde
richtig beißen, um mit dem richtigen Abstand an die weiteren
Hindernisse zu kommen. Mit der Zeit von 15,58 s war die ehrgeizige
Athletin nicht zufrieden, auch wenn nur drei andere schneller
waren.
Bis zum Hochsprung stiegen die Temperaturen weiter an, so
dass sogar der Tartan an Alicias Spikes kleben blieb. Auch die
Fans an der Bande schwitzten mit ihr um die Wette. Um Kraft
zu sparen, sollte sie erst möglichst spät einsteigen. Doch drei
ungültige Versuche und damit „null Punkte“ durfte sie auch nicht
riskieren. In der schwülen Nachmittagshitze hieß es: „Spring‘
gleich im ersten Versuch drüber, dann musst du es nur einmal
machen!“ Gesagt – getan! Alicia meisterte drei Höhen bereits
beim ersten Anlauf. Doch die Temperaturen forderten ihren Tribut,
die Kräfte schwanden. Die nächsten beiden Sprünge waren auch
technisch weit von den vorherigen entfernt. Im dritten Anlauf
überquerte Lissy die Latte schließlich erfolgreich und hatte
1,54 m zu Buche stehen. Eine Höhe, die sie sich selbst zuvor
als Mindestanforderung gestellt hatte und mit der sie durchaus
zufrieden war. Den Vorschlag von ihrem Trainer Dieter, auf die
weiteren Versuche zu verzichten, um sich für die anstehenden
200 m zu erholen, wies sie entschieden zurück. Sie wollte sich
hinterher nichts vorwerfen müssen. Allerdings fehlte letztlich
doch die Kraft und die neue Bestleistung blieb ihr an diesem
Tag noch verwehrt.
Auf die halbe Stadionrunde hatte sich Alicia für den Samstag
zu ihrer neuen Lieblingsdisziplin auserkoren. Wieder war sie
im schnellsten, aber letzten Lauf gesetzt. Sie hatte ein gutes
Gefühl, doch der Gegenwind auf der Zielgeraden, verhinderte
erneut eine bessere Zeit. Mit 27,14 s, die ihr genau 700 Punkte
einbrachten, sicherte sie sich den vierten Platz im Vierkampf
und eine gute Ausgangsposition für den zweiten Tag im Siebenkampf.
Um die Medaillen sollte es richtig eng werden, hatte sie doch
nur 13 Zähler Rückstand auf Platz 3 und 15 Zähler auf Rang 2.
Auch im Hotel war die Hitze des Tages noch zu spüren, so
fand Alicia nur schwer in einen unruhigen Schlaf. Müde und nicht
wirklich erholt ging es am Sonntag wieder zum Stadion. Die Temperaturen
waren angenehmer als am Vortag, doch der wechselhafte Wind stellte
die Weitspringerinnen vor eine neue Herausforderung. Um bei
Rückenwind nicht zu übertreten, startete sie sicherheitshalber
einen Fuß weiter hinten als gewohnt. Schon der erste Sprung
war mit 5,10 m eine Ansage. Nur die Favoritin Leonie Schmid
von der LG Sempt kam weiter. Nach einem etwas kürzerem zweiten
Versuch überlegen Athletin und Trainer gemeinsam, wie der Anlauf
für den letzten Sprung gestaltet werden sollte. Mit dem Satz:
“Da wo du mich hinstellst, laufe ich weg”, signalisierte Lissy
ihr Vertrauen in Dieters Einschätzung. Dieser bewies ein glückliches
Händchen und so konnte sie sich noch einmal steigern. Mit 5,18
m erzielte Alicia ihre beste Weite im Rahmen eines Siebenkampfes
und arbeitete sich damit auf Rang zwei nach vorne.
Doch die Verfolgerinnen Naomi Buchner (TV Bürgstadt) und
Nina Siedler (VfL Buchloe) sind für ihre Stärke im Speerwurf
bekannt. Während der Wartezeit setzte strömender Regen ein.
Die Gymnastik musste unter einem Zelt mit einem Handtuch statt
mit dem Wettkampfgerät stattfinden, das Einwerfen auf der patschnassen
Wiese. Auch auf der Anlaufbahn befanden sich Wasserpfützen,
die den Mädels den Wettkampf erschwerten. Lissy gelang es trotzdem
im ersten Versuch gut zu stemmen und warf den Speer auf eine,
für diese Verhältnisse, gute Weite. Leider gab der Kampfrichter
den Versuch ungültig, so dass sie erstmal keine Punkte in die
Wertung einbrachte. Merklich verunsichert lief Alicia beim nächsten
Versuch an, der Wurf kam technisch bei weitem nicht an den ersten
heran und war mit 22 m eine für sie indiskutable Weite. Zunächst
ratlos und mit viel Druck auf ihren Schultern konzentrierte
sie sich auf den letzten Versuch. Der flog etwas weiter, doch
auch dieser Wurf war mit 24,16 m fast 10 Meter unter Bestweite.
Die Enttäuschung stand der Athletin ins Gesicht geschrieben,
nach der Aufholjagd im Weitsprung fiel sie wieder auf Rang vier
zurück. Foto Speer
Während Alicia sich erst einmal wieder fangen musste, rechnete
ihre Mutter bereits aus, wie viele Sekunden sie über die abschließenden
800 m herauslaufen müsste, um die Drittplatzierte Siedler noch
einzuholen. Deren Bestzeit lag etwa 3 Sekunden über Alicias
Bestzeit und genau dieser Vorsprung würde reichen. Selten war
die letzte Disziplin so spannend. Der Dauerregen kannte kein
Erbarmen. Die Veranstalter wollten den Lauf verschieben, doch
alle 25 Siebenkämpferinnen waren sich einig: “Wir wollen gleich
laufen!” Kurz nach dem Start wurde Alicia, wie schon so oft,
von den anderen Läuferinnen eingeklemmt. Ihre Freundin Tara
Piossek stürzte vor ihr, eine Schrecksekunde! „Soll ich ihr
aufhelfen? … Das kann ich mir nicht leisten.“ Lissy musste einen
weiten Weg in Kauf nehmen, um bereits in der Kurve nach vorne
zu laufen. Sie zog das Tempo an, nach 200 m setzte sie sich
auf ihre “gewohnte Position” hinter der starken Läuferin Svea
Krogmeier aus Roth. Bei 500 m war sie knapp vor der Konkurrentin
um Platz 3. Doch vom Rand der Laufbahn bekam sie den Hinweis
zugerufen „Der Vorsprung reicht noch nicht! Zieh an!“ Es schüttete
wie aus Eimern. Ihre Fans unterstützten sie nach Leibeskräften
mit Rufen und Tröten. Alicia gab alles, doch Nina Siedler hielt
dagegen. Kurz vor dem Ziel überholte die Buchloerin und sicherte
sich die Bronzemedaille. Erschöpft, mit schmerzenden Waden und
völlig durchnässt sank Lissy nach der Ziellinie zu Boden. Der
sogenannte undankbare, aber doch respektable vierte Platz bei
der Bayerischen war der Lohn. Das war der Abschluss eines aufregenden
Wochenendes mit schwierigen Bedingungen, die unterschiedlicher
nicht hätten sein können.
Eine große Leistung
in diesem Starterfeld, die sowohl Trainer, Mutter und Fans stolz
sein lassen auf ihre Lissy. Herzlichen Glückwunsch und die
Spannung für die Deutsche in Hannover steigt!!
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